Der Irankrieg und die Schließung der Straße von Hormus dauern an. Die direkten Folgen sind ein rekordhoher Ölpreis und hohe Volatilität an der Börse. In solchen von Unsicherheit geprägten Marktphasen wollen – oder müssen – viele Investoren Risiken abbauen und Liquidität priorisieren. Die Folge: Selbst robuste Weltklasseunternehmen geraten unter Druck, weil beim liquiditätsgetriebenen „Abverkauf“ nicht vor echter unternehmerischer Substanz Halt gemacht wird.
Doch genau an diesem Punkt hilft es, in Ableitungen zu denken. Die erste Ableitung auf die massiven Kursausschläge ist der Abverkauf an der Börse, der Wunsch nach Sicherheit angesichts steigender Ölpreise, fragiler Lieferketten und Wachstumssorgen. Doch die zweite Ableitung genau dieser Herausforderungen ist für uns entscheidender als die kurzfristige „Risk-off“-Denke der Märkte.
Denn die zweite Ableitung betrifft die langfristigen strukturellen Auswirkungen auf Lieferketten, Rohstoff- und Energiekosten sowie die globale wirtschaftliche Stabilität. Im unternehmerischen Umgang mit den zu erwartenden länger anhaltenden Störungen in Folge beeinträchtigter Öl- und Rohstoffversorgung trennt sich die Spreu vom Weizen. Aber: Diese zweite Ableitung tritt erst zeitverzögert ein. Genau dann stellen robuste Gewinnmaschinen mit stabilen Cash Flows und makellosen Bilanzen ihre Widerstandsfähigkeit unter Beweis: durch Wettbewerbsüberlegenheit, Marktstellung, Produktmix und Preissetzungsmacht.
Sie erweisen sich als echte Felsen in der Brandung, weil sie beispielsweise höhere Rohstoffpreise weitergeben können oder über einen klugen Produktmix Nachfrageveränderungen bedienen können. Kapital- und energieintensive Unternehmen sowie Firmen ohne Preissetzungsmacht oder mit schwachen Margen geraten hingegen unter Druck, wenn diese Zweitrundeneffekte zuschlagen. In der Phase, in der Börsenkurse und unternehmerische Substanz auseinanderdriften, bleiben wir unserer Investmentphilosophie treu.
In dieser Ausgabe des Investorenbriefs beleuchten wir unsere Investmentstrategie anhand ausgewählter Beispiele von Portfoliounternehmen: Adobe zeigt, dass technologische Transformation und hohe Profitabilität vereinbar sind. Künstliche Intelligenz wirkt bei allem Anpassungsdruck dort als Verstärker bestehender Wettbewerbsvorteile.
Die Deutsche Börse steht für qualitätsgesicherte Daten und regulierte Marktinfrastruktur. Diese kann durch KI optimiert werden. Rechts- und Prozesssicherheit bietet KI jedoch nicht.
Und der Blick auf den Anleihemarkt der Hyperscaler macht deutlich, dass gleiche Schuldnerklassen nicht automatisch gleiche ökonomische Qualität bedeuten: Während Alphabet trotz hoher KI-Investitionen im Kern ein kapitalleichtes, hochprofitables Plattformgeschäft betreibt, ist das Geschäft von Amazon strukturell deutlich kapitalintensiver.
Keine Frage: Die aktuelle Marktphase ist anspruchsvoll – emotional wie kursseitig. Sie ist für uns jedoch kein Anlass, an robusten Geschäftsmodellen und soliden Bilanzen zu zweifeln. Wir bleiben standhaft und diszipliniert.
Die Zeit wird kommen, in der reines Momentum-Denken an Wirkung verliert, in der nicht einfach nur das gekauft wird, was gerade gestiegen ist, sondern die Börse vielmehr wieder nach echter unternehmerischer Substanz und dauerhafter Profitabilität sucht. Dann rücken jene „langweiligen“, gerne übersehenen Firmen in den Fokus, deren Geschäftsmodelle sich auch in der „zweiten Ableitung“ bewähren und die deshalb selbst in unruhigen Zeiten profitabel wachsen. Ökonomische Vernunft und Geduld sind und bleiben unsere wichtigsten Wegbegleiter.
Wir danken für Ihr Vertrauen und wünschen Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.
Ihr Wagner & Florack-Team